Philosophische Post

No. 5 vom 11.05.2020:

Liebe Freundinnen und Freunde von LOGOI,

letzten Freitag hatte unsere erste Online-Veranstaltung Premiere:
Im Live-Stream konnten Sie unser Gespräch mit der Philosophieprofessorin Lisa Herzog mitverfolgen. Jürgen Kippenhan hat mit ihr die Ursprünge, Anwendung, Konflikte und Grenzen unserer Freiheitsbegriffe diskutiert und dabei Bezüge zu den aktuellen Beschränkungen aufgegriffen. Auch die zuvor zahlreich eingegangenen Anmerkungen und Publikumsfragen kamen komprimiert zur Sprache – wir haben uns sehr über die regen Rückmeldungen gefreut und bitten um Verständnis, dass wir angesichts des zum Teil sehr ausführlichen Feedbacks nur eine Auswahl thematisieren konnten. 

Das war auch für uns eine absolut neue Veranstaltungsform, bei der es anfangs leider noch einige technische Probleme zu lösen galt. Der Stream ist deshalb ein wenig verspätet gestartet. Wir haben das Gespräch aufgezeichnet und Sie können die fehlenden 15 Angfangsminuten oder auch das ganze Gespräch hier nachhören.
Die gesamte Veranstaltung mit dem aufgezeichneten Vortrag und Gespräch finden Sie außerdem auf unserer Homepage unter dem neuen Menü-Reiter “Online-Veranstaltungen”, wo wir auch die kommenden Online-Formate zum Nachhören einstellen werden.

Wir bitten, diesen technischen Fauxpas zu entschuldigen und hoffen, Sie konnten das restliche Video störungsfrei ansehen. Auch wir lernen noch dazu und werden die nächste Veranstaltung dann hoffentlich schon ganz
versiert und ohne techniche Zwischenfälle übertragen können.

Insgesamt haben uns die große Aufmerksamkeit, die zahlreichen Zuschauer und engagierten Rückmeldungen positiv überrascht und wir freuen uns sehr über die Möglichkeit, auch in diesen Zeiten miteinander verbunden und im Gespräch zu bleiben. 

Wir schließen mit einer anekdotischen Anmerkung zum aktuellen Begrüßungsritual des Schrifstellers Sebastian Ybbs und bedanken uns herzlich für Ihre und Eure Aufmerksamkeit!

Auf bald, herzliche Grüße
Ihr und Euer LOGOI-Team Jürgen Kippenhan, Ines Finkeldei und Stefanie Schlößer
 

Guten Tag mit Kotelett zu Frühstück
 
Einem Menschen zur Begrüßung die Hand zu reichen, beruht auf einer sehr alten Sitte, mit der man seinem Gegenüber bekunden will,  die Hände offen, den Körper zugewandt, keine Waffe versteckt und nur Gutes im Sinn zu haben. Eine ebenso freundliche Geste ist eine Verneigung, wie sie beispielsweise im östlichen Asien gebräuchlich ist, die, wenn sie nicht von beiden der sich begegnenden Personen praktiziert wird, allerdings einen leicht unterwürfigen Charakter haben könnte. Eine sehr schöne Begrüßung ist auch die Verneigung mit vor der Brust gefalteten Händen, die freilich einen religiösen Charakter nicht ganz von sich weisen kann.
 
Wenn sich in diesen Zeiten zwei Menschen mit Aneinanderstoßen der Ellbogen begrüßen, finde ich das hingegen recht unschön. Es ist nicht nur die Geste, die an ein Aneinanderrempeln erinnert, die gesamte Körperhaltung signalisiert eine wenig freundlich wirkende Abwehrhaltung, – aber na klar, man will ja auch die Viren abwehren. Es braucht an dieser Stelle schon ein besonders herzliches Lächeln, damit an dieser Form der Begrüßung, dem Wissen der guten Absicht zum Trotz, nicht doch etwas Negatives haften bleibt. Noch schwerer tue ich mich mit der Begrüßung per Unterschenkel- oder Fußstoß.
Auch die belgischen Freunde, die sich traditionell mit Wangenkuss begrüßen, haben es in diesen Zeiten nicht einfach, erst recht die Franzosen, die sich liebend gerne auch mehrerer dieser Bekundungsformen bedienen – rechts, links, rechts, je nach Freundschaftsgrad. Der sozialistische Bruderkuss hingegen ist, soweit ich informiert bin, ohnhin in der Versenkung verschwunden, an dieser Stelle entsteht demnach kein neuer Konflikt.
 
Wir müssen uns wohl notgedrungen auf neue Grußformeln einstellen, denn selbst wenn die Epidemie zurückgedrängt scheint, werden wir noch lange vorsichtig mit körperlichen Kontakten umgehen. Und es ist zu vermuten, dass neue Angewohnheiten, die man über einen längeren Zeitraum hinweg praktiziert hat, dauerhaft bestehen bleiben werden. Ich bin gespannt, welche Art der Begrüßung sich durchsetzen wird.
 
Einem Menschen freundlich begegnen, ist nicht nur eine schnelle erste Geste, in gewissen Situationen kann es sich zur hohen Kunst stilisieren. Ein alter russischer Schriftsteller wusste bildhaft davon zu berichten:

Der große Schriftsteller logierte in dem Haus seiner Schwester, der Gattin eines Kammerherrn und Gutsbesitzerin. Beide, Frau und Mann, vergötterten ihren berühmten Verwandten, aber diesmal befanden sich beide zu ihrem größten Leidwesen in Moskau, so dass die Ehre, ihn zu empfangen, einer alten Dame zugekommen war, einer verarmten weitläufigen Verwandten des Kammerherrn, die bei ihnen lebte und schon lange den gesamten Haushalt führte. Das ganze Haus ging seit der Ankunft des Herrn Karmasinow nur auf Zehenspitzen. Die alte Dame berichtete nach Moskau fast täglich, wie er geruht und was er gespeist hätte, und schickte eines Tages ein Telegramm des Inhalts, er wäre nach dem Festessen beim Stadtoberhaupt gezwungen gewesen, einen Löffel einer bewährten Medizin einzunehmen. Sie nahm sich nur selten heraus, sein Zimmer zu betreten, obwohl er sie höflich behandelte, allerdings ein wenig trocken und wortkarg, und mit ihr nur sprach, so weit es nötig war. Als Pjotr Stepanowitsch bei ihm eintrat, verzehrte er, wie jeden Morgen, ein kleines Kotelett und trank ein halbes Glas Rotwein. Pjotr Stepanowitsch hatte ihn bereits früher ein paarmal aufgesucht und ihn stets bei einem solchen kleinen Morgenkotelett angetroffen, das er in seiner Gegenwart verzehrte, ohne ihm auch nur ein einziges Mal etwas anzubieten. Nach dem Kotelett servierte man ihm auch noch ein Tässchen Kaffee. Der Diener, der das Déjeuner brachte, trug Frack, weiche, lautlose Stiefel und weiße Handschuhe.
»Aha!« Karmasinow erhob sich vom Sofa, wischte sich den Mund mit der Serviette und traf schon Anstalten, ihn mit der Miene reinster Freude zu umarmen und den Kuss mit ihm zu tauschen – die charakteristische Gewohnheit der Russen, wenn sie gar zu berühmt sind. Pjotr Stepanowitsch aber wusste bereits aus Erfahrung, dass Karmasinow zwar so tat, als wünsche er zu küssen, in Wirklichkeit aber seine Backe zum  Kuss hinhielt, und machte es diesmal genauso; beide Backen trafen aufeinander. Karmasinow gab den Anschein, als habe er nichts bemerkt, setzte sich wieder auf das Sofa und deutete zuvorkommend auf den gegenüberstehenden Sessel, in dem es sich Pjotr Stepanowitsch sofort bequem machte.
»Wünschen Sie etwa … Möchten Sie frühstücken?« fragte der Gastgeber, diesmal seiner Gewohnheit untreu werdend, aber mit einer Miene, die unmissverständlich eine höfliche Ablehnung nahelegte. Pjotr Stepanowitsch jedoch wünschte zu frühstücken. Ein Schatten beleidigten Staunens verdüsterte das Gesicht des Hausherren, aber nur für einen Augenblick; er läutete dem Diener und befahl mit einer trotz aller guten Erziehung geringschätzig erhobenen Stimme ein zweites Déjeuner.
»Was wünschen Sie? Kotelett oder Kaffee?« erkundigte er sich noch einmal.
»Sowohl Kotelett als auch Kaffee, und lassen Sie mir mehr Wein bringen, ich habe Appetit«
 
Fjodor Dostojewskij – Böse Geister
in einer Übersetzung von Swetlana Geier, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2010, S. 483 f
 
P.S.: Dank der zwangsweise eingeschränkten Aktivitäten auf anderen Gebieten habe ich mir im zweiten Anlauf endlich diesen über 900 Seiten starken Roman, der schon seit längerer Zeit auf mich wartete, vornehmen können. Auf diese Weise öffnen sich neue Horizonte, die einem der Alltag und die eingespielten Angewohnheiten verwehrt hatte.
 
Sebastian Ybbs, April 2020
 

No. 4 vom 07.05.2020:

Liebe Freundinnen und Freunde von LOGOI,

seit einer Woche ist unsere Philosophische Matinee mit Frau Prof. Lisa Herzog zum Thema  “Freiheit gehört nicht nur den Reichen – Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus” online abrufbar unter: 
https://logoi.de/

Schon jetzt verzeichnen wir viele Zuhörer/innen und freuen uns über die Möglichkeit, auch in diesen Zeiten weiterhin im Gespräch miteinander zu bleiben. Bis morgen haben Sie noch die Möglichkeit, uns Ihre Rückmeldungen oder Fragen zum Vortrag per Mail zuzusenden an: phil@logoi.de

Jürgen Kippenhan wird sie in seinem Gespräch mit Frau Prof. Herzog aufgreifen, das wir morgen Abend, Fr., 08.05. um 19:00 Uhr im Live-Stream auf unserer Homepage übertragen. Mithören und -diskutieren können Sie auf unserer Homepage unter: https://logoi.de/
oder auch direkt bei youtube unter: https://youtu.be/Xc5EjBB7EdA

Wir laden Sie herzlich ein, dabeizusein – bitte melden Sie sich, falls Probleme mit der Technik auftauchen – wir helfen Ihnen gern!

Auch unsere aktuelle Ausstellung des Künstlers Joachim Griess: “Résumé. New York – Berlin – Aachen. Arbeiten der letzten 20 Jahre” findet rege Aufmerksamkeit. Auf unserer Homepage haben Sie jederzeit die Möglichkeit, unsere Online-Ausstellung zu besuchen.
Oder Sie vereinbaren hier mit dem Künstler einen Termin zu einer Einzelführung durch die Ausstellung – selbstverständlich unter Wahrung der geltenden Sicherheitsbestimmungen.

Wir schließen philosophisch mit einem neuerlichen Text von Mechthild Geisbe, deren kluge Beleuchtung des Zwiespaltes zwischen der Komplexität und Unwägbarkeit unserer Lebenswirklichkeit und unserem Bedürfnis nach Sicherheit und Eindeutigkeit uns zur “aufrichtigen Begegnung mit der Ungewissheit” ermutigt und auffordert, auch in diesen Zeiten die richtigen Fragen zu stellen.

Das machen wir morgen Abend gemeinsam, um 19:00 Uhr auf: https://logoi.de/
Wir freuen uns auf Sie!

Herzliche Grüße
Ihr und Euer LOGOI-Team Jürgen Kippenhan, Ines Finkeldei und Stefanie Schlößer
 
»Philosophisches zur aktuellen Lage«     No. 3
 
Zahlen geben den Anschein von Objektivität. Sie zu benennen, scheint ein ausreichendes Argument zu sein, Vorschriften zu akzeptieren. Die Zahl als solche beinhaltet aber keine Anweisung. Wir wissen das eigentlich und dennoch billigen wir ihre Autorität. Es gibt Infektionsraten die bestimmte Maßnahmen erfordern. Und es gibt solche, die ein Signal zur Lockerung darstellen. Vieles an diesen Raten ist Interpretation und die an sie gebundenen Maßnahmen ohne Erfahrungswert.  Aber dennoch leisten Zahlen einen großen Teil der Überzeugungsarbeit , die es benötigt, unsere Verhaltensweisen kollektiv umzustellen. Ihr unbestechlicher Charme liegt darin, Verantwortung delegierbar zu machen. Sie geben uns das Gefühl von Rationalität und Kontrollierbarkeit. Statistiken und Prognosen können den Anschein kausaler Gewissheiten vermitteln, Zahlen helfen Komplexität zu reduzieren und Vorschriften springen ein, wo Gewohnheiten ausgesetzt sind.
Das Virus bewirkt bei aller Ungewissheit, die es uns beschert, sehr rigide und eindimensionale Verhaltensweisen, ironischerweise werden sie manchmal mit lustvoller Folgsamkeit kommentiert. Man muss nicht mehr in Alternativen denken, man bleibt ganz einfach zu Hause. Entlastungsfunktionen dieser Art sind ein Beispiel existentialistischer Unaufrichtigkeit. Der Wille geht ein recht fragwürdiges Verhältnis mit den Einschränkungen unserer Handlungsfreiheit ein. Um Notbehelf in Krisenzeiten handelt es sich dabei nicht. War doch die Normalität von gestern auch nur verdrängten Ungewissheiten abgerungen. Wir greifen auf eingeübte Strategien zurück. Sie haben uns schon immer geholfen, die Bodenlosigkeit unserer Existenz zu kompensieren.
Komplexität ist eine Überforderung. Ein Versuch sie zu denken, würde höchstens erahnen lassen, von welch unlösbaren Fragen, vernetzten Strukturen und Entscheidungen unser Dasein eigentlich abhängt. So bauen wir uns kleine Sicherheiten. Schließungsmechanismen dienen als Anhalt. Wir reduzieren Horizonte und verorten unser Selbst. Dabei ignorieren wir, dass jeder Horizont schon als solcher über sich hinausweist, und jede Verortung des Selbst seinen exzentrischen Charakter leugnet.  Wir sind immer auch außerhalb und jede Befindlichkeit ist ein undefinierbarer Aufenthalt. Das Bedürfnis nach Gewissheit lässt sich wohl nie umgehen, aber nur eines, das sich seiner Vergeblichkeit nicht stellt, fixiert  aufscheinende Identitäten als Aussagen mit umfassendem Gehalt und Beständigkeit. Das Leben in seiner Vielfalt kann es verpassen. 
Konzentrieren wir uns in Krisenzeiten also nicht nur auf Lösungen, sondern auch auf die Fragen, denen sie Raum geben. Sie sind möglicherweise nicht neu und schon selber die Antwort. Das muss nicht frustrierend sein. Aber der Umgang mit der Ungewissheit will gelernt sein. Sollte Schule jemals dazu stehen, wie sehr Bildung ein Angriff auf die Unschuld ist, ohne diesen im Kompetenzerwerb zu verharmlosen, könnte sie vielleicht ihren Beitrag leisten. Das Leben in seinen Zumutungen zu begreifen, bedeutet mehr als Frustrationstoleranz im Hinblick auf die Autorität von Zahlen. Autonomie ist auch Fähigkeit sich der Ungewissheit zu stellen. Die Möglichkeit ihr als Aufforderung zu begegnen, verträgt sich allerdings nicht mit Unaufrichtigkeit. Unser Wille – und der gute allemal – ist weitgehend unabhängig von Handlungsfreiheiten jeglicher Art. Wir können ihr im Diesseits von Horizonten nur  ausweichen und  im definierten Aufenthalt unserer Befindlichkeiten nur entgehen.  Die Aufforderung einer aufrichtigen Begegnung mit der Ungewissheit bedeutet dem Tod als ständige Option zum Trotz, das Reale einer Illusion entgegenzuhalten. Daraus kann eine Gewissheit entstehen: Du musst dein Leben ändern!

Mechthild Geisbe, Straelen
23.04.2020


No. 3 vom 16.04.2020:

Liebe Freundinnen und Freunde von LOGOI,

nachdem die gestrigen Beschlüsse der Politik einmal mehr verdeutlichen, dass der coronabedingte Ausnahmezustand unsere Alltagsgestaltung und Lebenswelt weiterhin maßgeblich prägen wird, kommt hier Aufmunterung in Form unserer dritten »Philosophischen Post«:

Unten finden Sie neuerliche »Philosophische Betrachtungen zur aktuellen Lage« von Mechthild Geisbe und der Autor und Dichter Dieter Hans erfreut uns mit seinen »Haikus in Quarantäne« – viel Vergnügen bei der Lektüre!

Darüberhinaus laden wir Sie herzlich ein zur Online-Finissage unserer aktuellen Ausstellung »RollWest« des deutsch-iranischen Künstlers Shahin Tivay Sadatolhosseini
Seit dem 20.03. hat er seine geplante Rhönradreise in die USA symbolisch angetreten und jeden Tag im LOGOI das Rad für uns ein wenig weitergedreht.
Am kommenden Freitag, 17.04., findet das Kunstprojekt einen ersten Abschluss in der digitalen Finissage mit einem Wortbeitrag von Prof. Wolfgang Becker um 18:00 Uhr und musikalischer Begleitung der iranischen Sängerin Sanaz Zaresani um 19:00 Uhr. Hören Sie mit unter diesem Link.

Der Künstler plant, seine Reise in die USA im Herbst diesen Jahres anzutreten und nimmt gerne Ihre Botschaften für das Weiße Haus mit auf den Weg, die Sie an seine Mailadresse richten können: shahin@gmx.com
Infos zum Projekt finden Sie hier, verbunden mit dem Hinweis, dass Sie die geplante Reise entweder durch den Erwerb eines der ausgestellten Kunstwerke oder auch eine Spende an den Künstler unterstützen können. Wir stellen gern den Kontakt her oder Sie kontaktieren den Künstler direkt hier.

Am kommenden Wochenende wird dann umgehängt im LOGOI und wir freuen uns schon jetzt auf die kommende Ausstellung »résumé« mit Werken von Joachim Griess. Dazu bald mehr…

Bleiben Sie gesund und munter!

Auf bald – herzliche Grüße
Ihr und Euer LOGOI-Team Jürgen Kippenhan, Ines Finkeldei und Stefanie Schlößer
 
»Philosophisches zur aktuellen Lage«     No.2
 
Es gibt Tage im Jahr, die der Besinnung auf das Wesentliche dienen, nur um es anschließend sorgloser ausschalten zu können. Die Hoffnung darauf, dass die Welt mit Corona auch für die Zeit danach ein wenig menschlicher werde, mag sich um die Ostertage nochmal verdichten. Berechtigt ist sie vermutlich nicht. Es melden sich Stimmen zum Ausstieg aus den Vorsichtsmaßnahmen, die Zeitpunkt und Vorgehensweise nicht mehr ganz so deutlich von zu vermeidenden Todesfällen abhängig machen, wie es zu Beginn der Kontaktsperre zu hören war. Sollte sich ein schleichender Prozess zur Normalität ohne Konsequenzen für ein regionales und globales Miteinander anbahnen? Die Feststellung einer Bereitschaft zum Umdenken, zur Sensibilisierung für Neujustierungen im Wertgefüge registrieren vielleicht mehr diejenigen, die einen Handlungsbedarf schon vor Corona gesehen haben. Sie vermuten eine realistische Chance für strukturelle Veränderungen. Sollten sie dazu Anlass haben, müsste man jedoch davon ausgehen, dass Verantwortung und Einsicht bei einer breiten Mehrheit auch über Corona hinaus belastbar sind. Die Basis dafür ist fragwürdig.
Medizinethiker halten es schon jetzt für realistischer an die Verantwortung der Bürger nur in begrenztem Rahmen zu appellieren. Dabei spielen auch Annahmen zur psychischen Belastbarkeit eine Rolle. Man befürchtet, dass eine vorhandene Akzeptanz von Maßnahmen auf die Dauer in Ablehnung umschlagen könnte. Geduld ist nicht ewig zu strapazieren, und irgendwann verliert jedes Lob für rücksichtsvolles Verhalten seinen bestätigenden Charakter, eine Bereitschaft zum Verzicht schlägt um in Aggression und Ressentiments. Solchen Befürchtungen liegt mehr oder weniger bewusst ein geringes Vertrauen in die moralischen Kompetenzen zugrunde. Vielleicht kann der Wert des Lebens in seinem umfassenden Anspruch dem Menschen gar nicht zugemutet werden?
Andere philosophische Perspektivierungen sind weniger pessimistisch. Markus Gabriel setzt auf die Plausibilität von Argumenten. Der Wert des Lebens lässt sich nicht ohne Widersprüchlichkeiten auf ein zeit-räumliches Umfeld beschränken. Für ihn ist das eine leicht einsehbare Tatsache ohne jeglichen Zumutungscharakter. Da, wo Empathie ihre Wirkung verliert, kann Rationalität überbrücken und einsichtig machen, dass Rheinländer einem Bayern nicht mehr schulden als einem Inder, sind sie ihm doch gleich anonym. Für Gabriel ergibt sich der Wert des Menschen in seiner Universalität notwendig daraus und drängt sich mit bestechender Logik im geografischen Vergleich geradezu auf. Rationale Einsichten dieser Art sind jedem zugänglich und die momentane Sensibilisierung für moralische Fragen ermöglichen berechtigte Hoffnung auf einen ethischen Fortschritt als Effekt der Krise. 
Vieles spricht allerdings gegen diese Sicht:
Wenn die Mehrheit der Amerikaner Trump eine größere Krisenkompetenz zutraut als den anderen Präsidentschaftskandidaten, lässt dies doch einigermaßen an Einsicht und Verantwortung zweifeln. Trumps Anhänger haben der Vernunft den Kampf angesagt. Vernunft ist eine elitäre Provokation, gegen die man sich mit irrationalem Fanatismus wehren muss. Viel Hoffnung auf die Durchsetzungskraft der Einsicht lässt das nicht. ‘America First’-Parolen verpflichten den Rheinländer nur sich selbst gegenüber, da spielen weder Bayer noch Inder eine Rolle. Es gilt den Nächsten auf das national vertretbare Maß zu reduzieren. Der Nächste hat identitätsstiftenden Gehalt. Gegen diese Quelle ist jede Logik immun. Plausibilität bewirkt nichts als emotionale Empörung.
Die größte Herausforderung moralischer Verantwortung und Einsicht ist wohl die Wahrhaftigkeit von Motiven. Ethik sollte immer beim Selbstverhältnis ansetzten. Wir sind kontingent. Die Notwendigkeit, mit der das Subjekt sich als es selbst erkennt, ist ein nachträgliches Narrativ. Man braucht Demut, das zu akzeptieren. Es zwingt, sich aus dem Nichts heraus zu denken. Daraus entsteht eine emotionale Bereitschaft zur Unabhängigkeit des Subjekts sich selbst gegenüber. Diese Unabhängigkeit ist eben auch Fundament für Einsichten um ihrer selbst willen. Nur solche Einsichten sind nachhaltig und offen für Argumente. Der umfassende Anspruch des Lebens braucht ein emotionales Verhältnis zur Abstraktion.
Wenn vieles dagegen spricht, dass Corona eine realistische Chance auf strukturelle Veränderungen birgt, dann bestärkt die Krise aber vielleicht die Notwendigkeit von Bildung genau in diesem Sinn. Corona wird nicht die letzte Krise gewesen sein.
 
Mechthild Geisbe, Straelen
13.04.2020

Haikus
in Quarantäne

 
1
Wohnungsdecke : dünn !
Nachbar knetet früh seine
Schritte in das Haus .
 
2
Alles Nichts , sagen
die Lebenden , außer uns  !
Nihilisten halt ….
 
3
Ohne andere  !
Heimatverlust in schlimmster
Form : Schlaflosigkeit .
 
4
Heimat = Tag an dem
man weiß , welche Bücher noch
wieder zu lesen . …
 
5
Gewohnheit  ist  der
Statthalter von Jugend , wie
spiegelnde Wurzel .


Dieter Hans, April 2020

No. 2 vom 01.04.2020:

Liebe Freundinnen und Freunde von LOGOI,

wir hoffen, Sie alle sind wohlauf und melden uns heute mit einer herzlichen Einladung:

Im täglichen Livestream zum Kunstprojekt»RollWest« von Shahin Tivay
Sadatolhosseini im LOGOI gibt die iranische Sängerin Sanaz Zaresani heute um
17:30 Uhr online ein kleines Livekonzert und der Künstler wird ein Gespräch mit
Prof. Wolfgang Becker aufzeichnen, dessen Text zum Projekt Sie unter dem Titel
»Das Rhönrad« weiter unten im Newsletter finden.

Unter diesem Link können Sie mithören und Shahin Tivay Sadatolhosseini täglich von 17-20 Uhr auf seiner »RollWest«-Tour begleiten.

Eine erste Hörprobe zum Konzert gibt es hier…

Darüberhinaus senden wir Ihnen »Philosophisches zur aktuellen Lage« von Mechthild Geisbe mit erkenntnisreichen Einsichten und Gedankenanstößen.

Wir wünschen Ihnen ein paar ruhige Ostertage und melden uns danach mit einer neuen philosophischen Post.

Bleiben Sie gesund und munter!

Auf bald – herzliche Grüße
Ihr und Euer LOGOI-Team Jürgen Kippenhan, Ines Finkeldei und Stefanie Schlößer
 
Wolfgang Becker zum Kunstprojekt RollWest von Shahin Tivay Sadatolhosseini:

D A S   R H Ö N R A D
Warum hat dieser Junge Otto Feick vor 120 Jahren zwei Räder in der Pfalz einen Berg hinuntergerollt? War er allein? Hatte er Bilder der Feuerräder gesehen, die an vielen Orten in Europa, auch in Lügde in Westfalen (das durch seinen Campingplatz in Elbrinxen in schlechten Ruf geraten ist) zu Ostern brennend die Hügel hinabrollen, um den Winter zu vertreiben? Oder war er fasziniert von seiner Erfindung des Doppelrades, das nicht umkippen würde?  Er war Handwerker und baute seine Erfindung und ihren Erfolg als weithin beliebtes Sportgerät, das Rhönrad, aus – und der Deutsch-Iraner Shahin Tivay Sadatolhosseini lernte es in Aachen kennen, gründete einen Turnverein in der RWTH und stellt es nun analog und digital in der Philosophenwerkstatt LOGOI in der Jakobstraße aus. Solche Laufräder bedrücken in Rattenkäfigen, beglücken in Wassermühlen und begeistern in Zirkuszelten, wenn ölglänzende Akrobaten darin kreisen. In Bildern zeigen Räder symbolische Menschen und Götter/ Göttinnen vieler Kulturen. Shahin enttäuscht mich, den Historiker, weil ihn diese Dimension nicht interessiert. Ihn fasziniert die Bewegung des Rades, der Anstoß, das Rollen im Anlauf und Auslauf, der Stillstand, die Wiederholung; die Verlängerung der Zeit des Rollens durch Gewichte: ein leichtes, ein schweres Gepäckstück. Ihn hat es zum LANGSAMEN REISEN eingeladen. Er ist damit bis Teheran gelangt, seiner Geburtsstadt, und er wird damit nach Washington reisen.  Und wer Sten Nadolnys “ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT” gelesen hat, wird verstehen, dass nicht ein Fahrrad, nicht ein Esel, sondern ein Rhönrad der ideale Begleiter des Wanderers ist: ein guter Gepäckträger, Stütze der Hängematte in der Nacht, Aufsehen erregend, einladend zu Gesprächen und delikat für visuelle Medien. In der Neuen Galerie hat vor dem Sturz des Shahs 1977 ein junger Aachener Abenteurer aus einem Tagebuch öffentlich gelesen, der, besessen und berauscht, gebrauchte teure deutsche Autos in den Iran fuhr und Käufern ablieferte. Er hüllte die Reisebegegnungen in eine Poesie zwischen Ginsberg, Ferlinghetti und Brinkmann – und füllte seine jungen Zuhörer mit den Bildern des UNTERWEGSSEINS und des Abenteuers. Shahins Berichte sind dagegen temperiert in die langsame Bewegung des Laufrades und die freundlichen Annäherungen der Einheimischen. Das Museum in Teheran lehnte es als Geschenk ab; das kostbare Kuckucksei, das die Shabanu dort gelegt hatte, die großartige Sammlung moderner Kunst des Westens, genügte. Unter dem Dach der Karawanserei Deyr Gachin hat das Rhönrad nach Abschluss der Tour einen dauerhaften Ehrenplatz erhalten. Shahin suchte nicht die Einsamkeit auf seiner Reise, war nie der Gesellschaftsflüchtige, liebte das UNTERWEGS als Begegnung, Grenzüberschreitung, Abwechslung zwischen Freund und Feind, Sesshaftigkeit und Unruhe. Er hat sein Geburtsland gesucht, aber bald wieder verlassen, um nach Aachen zurückzukehren und eine 2. Reise vorzubereiten – in den Westen, nach Amerika, das alte Traumland der Europäer, das sich so seltsam verändert hat. Seit dem 20. 3, bewegt er sein Laufrad im LOGOI täglich von 17-20 Uhr und kommentiert seine bevorstehende Reise in die USA online https://www.twitch.tv/rollwest/videos

Wolfgang Becker, März 2020
(Den Artikel finden Sie online auch auf seiner Homepage Kunstwechsel – ein Raum für Künstler).
 
Philosophisches zur aktuellen Lage
 
Kant oder Utilitarismus kann man dieser Tage angesichts der ethischen Probleme fragen, die Corona mit sich bringt. Ist es zynisch zu überlegen, ob die relativ geringe Zahl an Toten in Deutschland auch unserer philosophischen Tradition zu verdanken ist? Das Leben ist nicht verhandelbar. Eine doch recht frühe Durchsetzung von Maßnahmen stellt wirtschaftliche Interessen in den Hintergrund, das im Vergleich konsequente Testen in Deutschland beruht auf einem sozialer ausgerichteten Gesundheitssystem als andernorts. Der Mensch sollte nie nur als Mittel zum Zweck gesehen werden, sondern immer auch als ein autonomes Wesen, was selber Zwecke setzen kann.  Deshalb hat er keinen Preis. Kant verträgt sich nicht mit den Marktgesetzen und sein Geist setzt sie momentan etwas außer Kraft. Er ist zwar ein schlechter Ratgeber, wenn Krisenzeiten konkrete Entscheidungen fordern und die Frage nach dem Umgang mit knappen Beatmungsgeräten dürfte deshalb beim Utilitarismus besser aufgehoben sein, aber Zeitpunkt und verantwortbares Ausmaß einer Lockerung von Maßnahmen sind sicherlich nicht ausschließlich auf utilitaristischem Wege zu finden.
Der eher neoliberale Macron machte umdenkend darauf aufmerksam, dass wir in einigen Bereichen die Kontrolle zurückgewinnen müssen, sprich sie nicht dem Marktgeschehen überlassen dürfen. Dazu zählte er allen voran natürlich die Gesundheit. Recht hat er! Diese Erkenntnis ist aber so richtig, wie nicht neu. Die Thematisierung des Marktes in seiner ethischen Fragwürdigkeit flammt stets in Krisen auf und ebbt mit ihrem Ende wieder ab, sodass man annehmen darf, es handelt sich bei solcherart Statements mehr um ein Lippenbekenntnis, denn um eine ernsthafte Absicht, etwas in die Tat umsetzten zu wollen. Das Sich-Ereifern im Demonstrieren moralischer Werte wie Verantwortung und Solidarität greift aber nicht nur unter Politikern um sich. Gerne kommuniziert jetzt auch das gemeine Volk seine moralische Integrität, nutzt die Gelegenheit zur konformen Darstellung einer vorbildlichen Gesinnung. Die Gesellschaft vergewissert sich ihres Zusammenhalts. Daran ist nichts grundsätzlich falsch, aber es ist auch eben nicht das, was es zu sein vorgibt. Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Äußerung moralischer Einsichten in Form eines Versuchs sich über jahrelange Kompromisse hinwegzutäuschen. Sind wir nicht doch alle „gut“?  Die Vehemenz der Vergewisserung steht im unmittelbaren Verhältnis einer verdrängten Schuld. Und so treibt die Selbstimagination groteske Blüten im Lobgesang auf die Kassiererin. Wer die Bedeutung ihrer gesellschaftlichen Leistung anerkennt, der kann doch kein schlechter Mensch sein.
Kants gutem Willen ist das schlechte Gewissen als Motiv suspekt, vom Gesinnungsexhibitionismus erst gar nicht zu sprechen. Aber gibt es einen Willen, der keine andere Anbindung hat als das moralische Gesetz als solches, einen leeren Willen,  der das Gute verfolgt, ohne zu bestimmen, was dieses sei,  sich nichts als die reine Form des kategorischen Imperativs zu eigen macht? Coronale Zeiten zwingen zur Selbstwahrnehmung ohne äußere Impulse, coronale Meditationen vielleicht zum „Cogito“. Dem Philosophen Žižek nach haben Frauen je schon einen intuitiven Bezug dazu. Sie sind im Vorteil sich über einen Mangel zu bestimmen, der sie die Substanzlosigkeit menschlicher Existenz in all ihren Entwürfen ahnen lässt. Wer sich schminkt, weiß um Maskeraden, Männer glauben zu sein, was sie darstellen. Kontaktsperre macht den Spiegel deshalb für Frauen etwas eher zur Emanzipation von Selbstzuschreibungen. Mit den Momenten leeren Bewusstseins wächst die Distanz zum Selbstentwurf. Der gute Wille ist ein Korrektiv, die Bereitschaft zur Abstraktion von uns selbst. Er ist die Selbstverpflichtung eines Daseins, das sich als zur Freiheit verurteilt begreift. Positiv ausgedrückt, er ist die Selbstverpflichtung zur Möglichkeit.
Bei allem Lob, was unserem Staat gebührt, weil er wirtschaftliche Interessen dem Leben unterordnet – eine Verhandelbarkeit des Lebens meint mehr als nur die leibliche Unversehrtheit. Es geht um Anerkennung eines Potentials, das nicht in wirtschaftlicher Funktionalität aufgeht. Dessen volles Ausmaß an Kreativität lässt sich überhaupt nur ohne vereinnahmende Bezüge denken und würdigen. Der gute Wille ist haltlos. Er braucht mehr Bereitschaft zum Risiko und weniger Narzissmus. Solidaritätsbekundungen als Absolution vom unguten Gefühl einer totalen Verstrickung in ökonomische Abhängigkeiten sind kompensatorisches Manöver. Sie werden keine verändernde Kraft aufbringen, sondern sich unkritisch einbinden lassen in das Mitwirken am wirtschaftlichen Aufschwung – „Wir schaffen das!“
 
Mechthild Geisbe
Straelen, März 2020


No. 1 vom 27.3.2020:

Liebe Freundinnen und Freunde von LOGOI,

wir hoffen, Sie alle sind gesund und melden uns zunächst mit »Anmerkungen  zum Thema unserer Tage« von Jürgen Kippenhan:  „Der Übergang von gesunder zu krankhafter Angst ist fließend.“ So ist es in einer Studie zur Angstdisposition des Menschen zu lesen. Der zitierte Satz zeigt aber auch an, dass es Zwischenstufen gibt und das Ringen darum, wann eine Angst angemessen und wann sie übertrieben ist. Wie jeder weiß, geht es dabei nicht immer um Leben und Tod. Ängste können sich auf sehr subtile Umstände beziehen, zum Beispiel auf projizierte Schamgefühle. Auch Ungewissheit ist eine höchst geeignete Projektionsfläche für Ängste. Wie es aussieht, ist der Mensch das einzige Wesen, das bedeutungsschwer seine Zukunft ins Auge fasst und dabei unentwegt Ungewissheit verarbeiten muss. Zu vermuten ist auch, dass dies einen großen Teil unserer psychischen Energie und Verarbeitungskraft verbraucht. Anders gesagt: wir sind unentwegt – wenn auch meist unbewusst – damit beschäftigt, Situationen daraufhin zu betrachten, was kommen könnte und wie wir dies aushalten und händeln könnten.

In gewisser Hinsicht ist deswegen der gegenwärtige Alarmzustand unser „Normalzustand“, an dessen Zuspitzung wir aber – uns selbst erfahrend – einiges ablesen können. Die Frage wird sein, ob es gelingt, in Form unverstellter Selbstbesinnung zu sich zu kommen, anstatt in einen alles überspielenden Aktionismus zu verfallen. Es verwundert ja nicht, dass das Thema in den Medien alles andere überdeckt. Der dadurch erzeugte Wirbel mit seinen ständigen Wiederholungen und Aufpeitschungen verspielt aber die Chance auf ein unabgelenktes Einlassen auf die existentiellen Gehalte, die derartige Krisenerfahrungen in sich bergen (nicht pastoral gemeint). Zu vermuten ist allerdings, dass es sich so verhalten wird wie beim Vorbeifahren an einem Unfall auf der Autobahn: erst ist man erschrocken und fährt langsam, dann verschwimmen die Erinnerungen und man gibt wieder Gas. Was aber könnte es sein, was sich – gegen alle Befürchtungen – den Nachdenklichen eingräbt?   Kurz: So wie das Virus nicht an irgendeiner Grenze halt macht , so sollte es auch die Hilfsbereitschaft im internationalen Maßstab nicht tun. Wir ahnen, dass es Afrika und die sogenannte „dritte Welt“ hart treffen wird.   Dann: Wie der Soziologe Hartmut Rosa nachvollziehbar feststellte, lässt sich die Wirtschaftsweise der modernen Welt nur durch ständige Steigerung ihrer Dynamik aufrecht erhalten. Dies macht sie für Einbrüche extrem anfällig, wie die Finanzkrise um 2008 und die Daten dieser Tage zeigen. Hinzu kommt, dass diese Anfälligkeit nicht mehr regional beschränkbar ist und damit die Existenzgrundlagen der Menschheit bedroht.   Dann: Durch viele Wiederholungen ist es zwar zu einem Klischee verkommen, aber – wie der Philosoph Jean-Paul Sartre nach dem zweiten Weltkrieg festhielt –: Krisen geben den Menschen die Chance, ihr persönliches und politisches Leben radikal neu zu bestimmen. Auch weniger radikal wäre für manche schon ein großer Schritt. Und dies schon dann, wenn man sich ein Stück aus dem Zwangsgetriebe löste, in das man oft eingefangen ist.  Und: Die moderne Gesellschaft erzeugt unentwegt Ablenkungen und zwanghaft fröhliche Eventmuster, die geeignet sind, die eigene Verletzlichkeit zu überspielen. Wie vordergründig dies wirkt, spüren wir in Bedrohungslagen.  Dieser Tage weiteres mehr… 
 
Darüber hinaus haben wir uns in den letzten Tagen im Internet umgesehen und für Sie ein paar philosophische Gedanken zur aktuellen Situation eingefangen:

Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des Philosophie Magazin (Sie erinnern sich vielleicht an ihre Beiträge bei LOGOI – zuletzt ihre Lesung im Rahmen unseres Programms »Laut Denken« im letzten Jahr), sieht den aktuellen Stillstand als Chance. Sie betrachtet ihn als eine Möglichkeit, aus der Endlosschleife des Konsums auszubrechen und Gesellschaft neu zu denken. Lesen Sie hier das gesamte Interview mit der Philosophin aus ihrem Schrebergarten »Der Stillstand schenkt uns einen Denkraum«.

Seit der Corona-Krise ist Albert Camus’ Roman »Die Pest« ein regelrechter Bestseller geworden – Parallelen und ein Aufruf zu mehr Solidarität zeigt dieser Beitrag in der 3sat Mediathek: »Die Pest« von Albert Camus. Der Schriftsteller und Präsident der Albert Camus Gesellschaft, Sebastian Ybbs, widerspricht dieser Analogie und sieht den derzeitigen “Pest-Hype” kritisch – lesen Sie seinen Beitrag weiter unten im Newsletter.

Das philosophische Radio mit Jürgen Wiebicke fragt: »Miteinander – wie verändert Corona Ihr Denken?«, Studiogast ist die Medizinethikerin Dr. Christiane Woopen. 

Und zuletzt noch ein virtueller Veranstaltungshinweis: Unter diesem Link können Sie täglich von 17-20 Uhr den Livestream aus dem LOGOI von Shahin Tivay Sadatolhosseini anschauen, der sein neues Projekt »RollWest« symbolisch gestartet hat.

Wir verbleiben mit der ausdrücklichen Bitte: Bleiben Sie gesund und insbesondere munter!

Auf bald – herzliche Grüße
Ihr und Euer LOGOI-Team Jürgen Kippenhan, Ines Finkeldei und Stefanie Schlößer
 
Sebastian Ybbs: 
Corona ist nicht Die Pest


Es ist ganz natürlich, dass, wenn wir etwas Neuem begegnen, wir nach uns bekannten Erklärungsmustern suchen oder nach Verweisen, die uns das, was da auf uns zukommt, besser begreifbar machen. Viele Menschen besinnen sich in diesen Tagen auf Albert Camus’ Die Pest und ziehen das Buch wieder aus ihrem Regal hervor. Bereits als die Corona-Epidemie noch hauptsächlich nur in Wuhan grassierte, bin ich schon auf die Vergleichbarkeit angesprochen worden und ich muss zugeben: auch ich hatte nach den ersten Meldungen über eine Abriegelung der chinesischen Stadt an diesen Roman gedacht, den Camus zwar im Spiegel seiner Epoche geschriebenen hat, der dennoch zu einem zeitlosen Prosastück avanciert ist.
Den “Pest“-Hype, der momentan um sich greift, kann ich zwar verstehen, aber nicht ganz teilen. Die Romane werden verkauft wie warme Semmeln, Medienberichte bemühen sich – mäßig gelungen – um Verknüpfungen zwischen Camus’ Fiktion und unserer derzeitigen Lage. Doch hilft uns dieser Roman derzeit, besser zu
begreifen?

Welche Beziehung besteht wirklich zwischen der Pest und von Camus geschilderten fiktiven Begebenheiten in Oran einerseits und andererseits dem, was die zwischenzeitlich zur Pandemie ausgeweitete Corona-Seuche
bewirkt?

Im Gegensatz zum Corona-Virus wird die Pest durch Bakterien ausgelöst. Flöhe nutzen Nagetiere als Reservoir und übertragen den Pest-Erreger auf Menschen. Innere Organe werden befallen, Lymphdrüsen schwellen an und werden als Verdickung ertastbar oder sichtbar (Beulenpest). Erst durch die sekundäre Wirkung dieser Erkrankung wird, ähnlich, wie es sich mit dem Corona-Virus verhält, der Mensch selbst durch Tröpfcheninfektion zum Überträger, es entsteht vermehrt die Lungenpest.

So sind es auch im Camus’ Roman zuerst die Ratten, die als Bedrohung aufgefasst werden, bevor die befürchtete Lungenpest ihre Verbreitung findet und die Menschen verdächtig werden. Damit die Seuche nicht nach Außen dringt, wird die Stadt Oran hermetisch abgeriegelt und wir erfahren nichts mehr von dem, was
außerhalb stattfindet. Die Pest ist eine Innenansicht. Für die meisten von uns hingegen ist nicht eindeutig, ob wir ein Teil der Corona-Seuche sind, oder sie von Außen betrachten. Selbst wenn wir nicht erkrankt sind, sind wir mittendrin und können die Ereignisse über die Medien von Außerhalb mitverfolgen.

Camus hat seinen Roman nicht über die Pest als Krankheit geschrieben, sie diente ihm als Hintergrund, vielleicht auch als Metapher. Er hat sein Augenmerk vor allem auf die handelnden Personen gerichtet, die verschiedenen Charaktere und dargelegt, auf welch unterschiedliche Weise sie sich in dieser Ausnahmesituation verhalten. Die Deuter sind sich einig: Die Pest ist ein Buch über die Solidarität. Doch hat der gemeinschaftliche Zusammenhalt angesichts der Corona-Krise eine höhere Aktualität als zu anderen Zeiten?

Heute zeigen sich in unserer Gesellschaft besonders deutlich gewisse Wesenszüge, die im Prinzip nicht neu sind: Viele Menschen haben sich spontan und ohne Anstoß von Außen zu solidarischen Handlungen entschieden, andere besinnen sich eher auf ihren egozentrisch motivierten Klopapier-Komplex. Natürlich ist das eine Schwarz-Weiß-Malerei – die meisten von uns werden sich irgendwo dazwischen bewegen. Doch braucht man eine Corona-Krise, um solche unterschiedlichen Charakterbilder zu zeichnen und muss man Die Pest lesen, um eine Anleitung zum solidarischen Verhalten zu bekommen? Waren wir nicht immer schon
gefordert?

Na gut, es fühlt sich momentan anders an, weil eine Krise so nah an den eigenen Leib gerückt ist. Doch sind wir etwa weniger betroffen, wenn weit entfernt Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken oder wir den Menschen, die dem syrischen Krieg entkommen sind, das Asylrecht nicht gewähren?

Fast unbemerkt entsteht plötzlich ein Wir- und Ihr-Denken, das, wenn man uns offen befragt hätte, wir doch immer abgelehnt hätten. Kann man das Solidarität nennen, wenn man sie nur in Zeiten ausübt, in denen es einem selber gut geht oder müssen wir nicht ganz besonders jetzt an die denken, die irgendwo auf der Welt in Hunger und Elend leben?

Es ist nicht der Staatsapparat alleine, der zum Menschenrecht verpflichtet ist, wir sind es alle, als Gemeinschaft und jeder für sich. Und da bin ich wieder bei Albert Camus angelangt. Es ist der Arzt Dr. Rieux, der nicht bloß aus seinem Berufsethos sondern in erster Linie aus einem ganz persönlichen Bedürfnis heraus hilft, wohlwissend, dass er sein eigenes Leben aufs Spiel setzt. Ihm schließen sich andere an, zum Schluss sogar Pater Paneloux, der die Seuche zunächst als Strafe Gottes proklamiert hatte und erst spät zu einer anderen Einsicht gelangte.

In meinem privaten Umfeld kenne ich Ärzte, die ganz selbstverständlich Sonderdienste geleistet und sich dabei vermutlich mit dem Corona-Virus infiziert haben. Dieselben Personen haben sich immer schon für das interessiert, was anderen Menschen irgendwo auf der Welt an Unrecht widerfährt und überlegt, auf welche Weise sie denen helfen können. Sie tun das nicht, um sich aufzuopfern, es ist ihre Art, glücklich zu sein: eben nicht alleine glücklich sein.

Was Solidarität heißt, darüber können wir an vielen anderen Stellen in Camus´ Werk lesen und werden dabei die Zerrissenheit erkennen, der sich die Protagonisten ausgesetzt sehen: Der Gast, in dem sich der Lehrer Daru zugunsten des ihm Anvertrauten gegen die herrschenden Vorschriften auflehnt, oder die für ihr Recht auf faire Bezahlung Streikenden in Die Stummen, die sich am Ende einem größeren Leid gegenübergestellt sehen, nicht zuletzt der Rechtsanwalt in Der Fall, der in seiner eigenen Selbstgefälligkeit erstarrt, statt einer Ertrinkenden zu Hilfe zu kommen. Das sind Beispiele, die keine Seuche benötigen und doch aufzeigen, wie man zwischen den eigenen Bedürfnissen und dem Anliegen, für andere da zu sein, schwankt. Und es sind Texte, die uns keine Moral aufdrängen, sondern zu einer Auseinandersetzung auffordern.

Mein Fazit lautet: Ja, es lohnt sich, die Pest zu lesen, denn es hat sich schon immer gelohnt.

Sebastian Ybbs, März 2020